Dr. Franz-Josef Kockler - Die „Keller‘sche Gesellschaft“ - Die Unruhen des Jahres 1832 im Fürstentum Lichtenberg und ihre gerich

Dr. Franz-Josef Kockler - Die „Keller‘sche Gesellschaft“ - Die Unruhen des Jahres 1832 im Fürstentum Lichtenberg und ihre gerich


Mai 1832: Seit dem Wiener Kongress gehört das Gebiet um St. Wendel als Exklave zum Herzogtum Sachsen-Coburg und wird absolutistisch regiert. Zeitgleich mit dem Hambacher Fest finden parallel zur Veranstaltung in der Vorderpfalz auch in St. Wendel Demonstrationen statt. Angeführt durch eine oppositionelle Gruppierung - die „Keller’sche Gesellschaft“ - treten die Bürger der Stadt offensiv für Errungenschaften ein, die in „französischer Zeit“ im Gefolge der Revolution eingeführt worden waren: Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit und Unabhängigkeit der Justiz. Es kommt zu Unruhen. Die coburgische Landesregierung, welche dem allenthalben eingeschlagenen restaurativen Kurs der deutschen Herrscherhäuser folgt, ruft preußisches Militär zu Hilfe. In einer eindrucksvollen Verfolgungsaktion wird das „aufrührerische“ Geschehen bis in alle Einzelheiten „aufgearbeitet“ und nach umfangreichen Ermittlungen „zur Anklage“ gebracht. Die örtliche Justiz, die seit Beginn der „Coburger Herrschaft“ ihre richterliche Unabhängigkeit zum Ausdruck gebracht hatte, schließt die Strafverfahren unter Anwendung französischen Rechts mit durchweg moderaten Urteilen ab.

Die Ereignisse jener Zeit verdienen vor allem deshalb Beachtung, weil hier - wie in einem Brennglas - das Aufeinanderprallen unterschiedlicher staatlicher Strukturprinzipien und staatstheoretischer Anschauungen im Rahmen eines begrenzten Territoriums beobachtet werden kann: das Ringen zwischen einerseits den restaurativen Bestrebungen, welche im Wiener Kongress und seinen Folgeregelungen Ausdruck gefunden hatten und andererseits den durch die französische Revolution propagierten und in der Folgezeit weiterentwickelten Ideen. St. Wendel kann damit durchaus zu den Orten gezählt werden, in denen sich im frühen 19. Jahrhundert deutsche Demokratiegeschichte abgespielt hatte.

Anhand der Ermittlungs- und Gerichtsakten skizziert der Referent – er war vor seinem Ruhestand Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht – das damalige Geschehen aus juristischer Sicht nach.